Auf großer Fahrt mit dem Pferd: Wanderreiten

Wanderreiten – die Wiederentdeckung der Langsamkeit. Nicht höher-schneller-weiter ist das Motto, sondern schöner-geruhsamer-achtsamer. Für viele Reiter geht es am Wochenende, über Feiertage oder gar für eine Woche oder mehr zusammen mit dem Pferd auf große Fahrt. Mal in der Gruppe, mal alleine, oft begleitet von wohlerzogenen Hunden, gerne auch von einem netten „Trosser“, der im Trossfahrzeug das schwere Gepäck von Rastplatz zu Rastplatz fährt und so Reiter und Pferd entlastet. Immer mehr Reiter haben die Lust am gemeinsamen, geruhsamen Wandern mit dem Pferd für sich entdeckt.

Herbstzeit ist Wanderreitzeit

Die ganz große Hitze liegt schon ein paar Wochen zurück, den meisten Krabbelviechern haben die ersten kühlen Nächte den Garaus gemacht, die Natur hat eigens ihr buntestes Kleid angezogen, die Wege sind weder hart gefroren noch trocken und staubig, sondern gerade richtig. Kurz: Für Pferd und Reiter herrschen draußen perfekte Bedingungen. Es nun wieder hinaus, auf neue oder unbekannte Wege, zu weit entfernten oder ganz nahen Zielen, immer aber halb wandernd, halb reitend. Wanderreiten.

Wanderreiten ist kein Wettbewerb. Gemeinsam gesund und munter das Land durchstreifen und am Ende heil ankommen, ganz bescheiden sind die Ziele. Entsprechend pferdefreundlich und durchdacht gestaltet sich die Ausbildung von Wanderreiter und Wanderpferd, entsprechend langfristig ist das Training angelegt.

Pferdefreunde auf großer Fahrt

Hopp, aufs Pferd und dann Weidewitzka durchs Gelände – das ist kein Wanderreiten. Damit Pferde, damit Wanderreitpferde mindestens ebenso viel Freude wie die Menschen im Sattel haben, bedarf es einer sorgfältigen Vorbereitung. Die beginnt schon mit der Auswahl eines geeigneten Pferdes, das dann korrekt gezäumt, mit einem geeigneten Sattel versehen und vor allem sorgfältig vorbereitet und trainiert werden muss. Dazu gehören für das Wanderreitpferd nicht nur Gymnastizierung und Konditionierung, sondern auch die Gewöhnung an Steigungen und Gefälle, unterschiedliches Geläuf, Bachdurchquerungen und Brückenüberschreitungen. Steilhänge müssen überwunden, Windbruch muss gemeistert, Straßenlärm tapfer ertragen werden. In jeder Pause gilt es, sofort herunterzuschalten, ein bisschen Gras zu knabbern und sich dann quasi im Standby-Modus zu erholen – auch das will gelernt sein. Artig angebunden stehen bleiben, sich verladen und entladen lassen, Untersuchungen und Behandlungen dulden, die Liste dessen, was ein Wanderreitpferd können muss, ist recht lang und noch länger die To do Liste seines Reiters. Der muss nämlich nicht nur selbst jede Menge Kondition und einen hervorragenden, entlastenden Sitz sowie mehr als gute Reitkenntnisse mitbringen, sondern sich auch im Gelände zurechtfinden, nach Karte und Kompass orientieren können, sein Pferd richtig füttern und pflegen, den Ritt effektiv organisieren, Wetterzeichen korrekt deuten und einen geeigneten Hufschutz auswählen. Am Ende der Mühe aber warten ganz besondere Erlebnisse und Erfahrungen auf Reiter und Pferd, abseits des Trubels, weit weg vom Alltag.

Naturfreunde zu Pferd

Wer sich mit seinem Pferd draußen in der Natur bewegt, tut dies nicht im luftleeren Raum. Wald und Feld sind kein Elfenbeinturm, der Reiter unterliegt dort zahlreichen rechtlichen Vorschriften und den Geboten des gesunden Menschenverstandes. Er teilt sich das Naturerlebnis nicht nur mit vielen anderen Interessengruppen, sondern den Naturraum auch mit der örtlichen Fauna und Flora. Er ist immer gehalten, keinen Schaden anzurichten, Werbung zu machen für den Wanderreitsport als sanften Tourismus. Je nachdem, wo man sich als Wanderreiter bewegt, unterliegt man den Regeln der Straßenverkehrsordnung oder den Vorschriften für das Reitern in Wald und Feld. Hier gilt es, sich vorab zu informieren!

Fallweise hart im Nehmen, wenn es um sie selbst geht, sind gute Wanderreiter ansonsten als sanfte Touristen unterwegs, die ihr Pferd und die Welt, in der sie sich bewegen, vor Schaden bewahren. Die Tagesstrecken sind in der Länge und im Schwierigkeitsgrad so bemessen, dass keiner an seine Grenzen stößt. Oft geht es im geruhsamen Schritt voran, schnellere Gangarten sind meist nur auf kurzen Teilstrecken möglich. Immer wieder sitzen die Reiter ab und führen ihre Pferde eine Weile, etwa besonders steile Anstiege hinauf oder wenn es doch einmal zu warm wird. Unterwegs wird alles mitgeführt, was Reiter und Pferd so brauchen können, auch für eventuelle Notfälle. Da kommt schon einiges an Gepäck zusammen! Froh ist jede Gruppe, wenn ein eigener „Trosser“ in seinem Troßfahrzeug von Tagesziel zu Tagesziel alles transportiert, was unterwegs nicht unbedingt benötigt wird. Manche Reiter schlagen nächstens ein Camp auf, verbringen die Nacht im Zelt, sitzen abends noch lange am Lagerfeuer und sehen den Pferde zu, die sich derweil auf abgesteckten Paddocks erholen. Andere sind froh, wenn sie die Nächte in befestigten Unterkünften verbringen, abends heiß duschen können. So oder so: Auf Wanderreiter und Wanderpferde wartet ein ganz großes Abenteuer, das sie oft genug näher zusammenbringt, viele wunderbare Erfahrungen und Naturerlebnisse bereithält und trotz – oder gerade wegen – der geruhsamen Fortbewegung.

Gemeinsam geht´s besser!

Eigene Ausbildungsprogramme bringen den Wanderreiter auf den richtigen Weg: Theorieseminare und Praxislehrgänge ergänzen einander und vermitteln alles, was für ungetrübte Wanderreitgenüsse nötig ist. Einzelne Anbieter ermöglichen auch Reitern ohne eigenes Wanderreitpferd die Teilnahme an organisierten Ritten. Besonders reizvoll sind natürlich solche Ritte im Ausland, etwa in Island oder Afrika, wo zum gemeinsamen Reiterlebnis auch eine wunderbare Landschaft mitsamt landestypischer Fauna und Flora hinzukommt. Auch die eigenen Reittraditionen ferner Länder können so hautnah erlebt werden: So ist es in Island Sitte, auf längeren Ritten eine Herde Reitpferde frei mitzuführen. In kurzen Abständen wird gerastet, immer wieder ein neues, frisches Pferd gesattelt und weiter geht es! Abends dann in natürlichen, heißen Quellen baden, die Mitternachtssonne genießen, vielleicht das erste Mal die Gangart Tölt selbst erleben, das sind einzigartige Erfahrungen.

In den USA und Kanada locken ebenfalls viele Anbieter mit speziell auf Reittouristen zugeschnittenen Wanderreittouren. Gut ausgebildete, coole Pferde vermitteln auch weniger erfahrenen Reitern ein sicheres Gefühl. Insbesondere während des Indian Summer halten Trailritte atemberaubend schöne Erlebnisse bereit! Wo und wie könnte man schon besser entschleunigen als im Sattel?

Ihre Angelika Schmelzer

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Angelika Schmelzer

Die erfahrene Reiterin, Fachbuchautorin und Pferdefotografin bloggt für KRISTALLKRAFT®.

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