Einkaufsliste: Was brauche ich für mein erstes Pferd?

Für viele Reiter geht früher oder später der oft lang gehegte Traum vom eigenen Pferd in Erfüllung. Schon Wochen, Monate, Jahre zuvor wird gegrübelt: Schaffe ich das finanziell überhaupt? Die Verantwortung für ein Lebewesen zu übernehmen, das ist keine Entscheidung, die übers Knie gebrochen werden sollte. Der Kaufpreis des Vierbeiners selbst spielt dabei überraschenderweise nur eine untergeordnete Rolle, denn die laufenden Kosten – Pension, Hufbeschlag, Futtermittel, Tierarzt – fallen langfristig weitaus mehr ins Gewicht. Da macht es durchaus Sinn, eine wohl überlegte Einkaufsliste aufzustellen: Was brauche ich und worauf kann ich vorerst oder auf Dauer verzichten?

Artgerechte Pferdehaltung

Wohin mit dem Pferd? Die neu zu beziehende Wohnung des Vierbeiners steht ganz oben auf der Liste, auch wenn sie in der Regel nicht käuflich erworben, sondern lediglich angemietet wird – das Pferd wird vermutlich als Pensionspferd in einem Pferdebetrieb aufgestallt werden. Als wichtigster und meist größter laufender Posten spielt der monatlich zu entrichtende Pensionspreis eine entscheidende Rolle.

Natürlich fällt der frisch gebackene Pferdebesitzer eine Entscheidung im Sinne seines Pferdes, wählt also eine artgerechte Haltungsform. Die Gruppenauslaufhaltung ist nach den Erkenntnissen der modernen Tiermedizin und Verhaltensforschung die einzige, die dieses Kriterium wirklich umfassend erfüllt. Stammt der Zukünftige aus einer reinen Boxenhaltung, müssen allerdings auch Übergangslösungen gefunden werden, die dem Neuling die Eingewöhnung erleichtern. Professionell geführte Offenställe verfügen i.d.R. über angegliederte Boxen, die Schnupperkontakt zwischen der Herde und dem neuen Gruppenmitglied erlauben und auch eine schrittweise Gewöhnung an das ausgesetztere Stallklima möglich machen.

Halfter, Führstrick und Co für das Pferd

Halfter, Führstrick, Transportgamaschen und Schweifschoner stehen ganz oben auf der Einkaufsliste, denn diese Artikel werden schon für den Transport des Pferdes aus dem alten in den neuen Stall benötigt. In manchen Verkaufsställen ist es allerdings auch üblich, dem neuen Besitzer Halfter und Führstrick zu schenken, eine ebenso nette wie praktische Geste. Auf den Schweifschoner kann notfalls verzichtet werden (ersatzweise kann die Schweifrübe mit einer Bandage umwickelt werden), nicht aber auf Transportgamaschen. Leiht sich der frischgebackene Pferdebesitzer diese für den Heimtransport, sollte er trotzdem sobald wie möglich eigene anschaffen, um für den Notfall (Erkrankung des Pferdes und Transport in die Klinik) gerüstet zu sein.

Was gehört sonst noch zur Grundausrüstung eines jeden Pferdes? Putzzeug natürlich, doch das hat der Reiter meistens schon. Langjährige Schul– oder Pflegepferdereiter kaufen im Laufe der Zeit jede Menge zusammen, was heute schon genutzt und zudem als Investition in die gemeinsame Zukunft mit dem eigenen Pferd gerechtfertigt werden kann. Dazu gehört fast immer ein Putzkoffer samt Inhalt, meist auch Halfter und Führstrick. Möglichst bald sollte dann ein Grundstock an Verbandsmaterial und Medikamenten zur Wundversorgung und Ersten Hilfe angeschafft werden. Hilfestellung gibt da am besten der Tierarzt, der vielleicht auch im Stall gleich einen abendlichen Kurs zu dem Thema veranstaltet. Komplette Erste Hilfe Koffer fürs Pferd werden von verschiedenen Reitsportausrüstern angeboten.

Der Sattel muss dem Pferd und dem Reiter passen.

Der Sattel muss dem Pferd und dem Reiter passen.

Sattel – von der Stange oder vom Sattler?

Das Pferd war so teuer, da muß es für den Anfang ein Billigsattel von der Stange tun – eine häufige, aber fatale Entscheidung. Sättel für den kleinen Geldbeutel gibt es in großer Zahl, doch sind sie meist nicht einmal ihren geringen Preis wert. Es ist weniger das Leder minderer Qualität oder die schlechte Verarbeitung, die entscheidend gegen einen solchen Sattel spricht, sondern die mangelnde Paßform. Die Form des Pferderückens ist so individuell wie ein Fingerabdruck, da kann ein Sattel von der Stange nur im Ausnahmefall wirklich hundertprozentig passen. Auch vermeintliche Sattelexperten sind oft nur unzureichend geschult oder verfügen nicht über eine ausreichend große Auswahl an Sätteln, da sie lediglich eine Marke vertreten. Auf keinen Fall sollte ein Sattel ohne vorherige Anprobe gekauft werden. Entweder muß das Pferd zum Sattel, der Sattel zum Pferd oder eine Anprobe über einen genauen Abdruck des Pferderückens vorgenommen werden.

Wer allerdings wirklich ganz sicher gehen will, läßt seinen Sattel maßfertigen. Ja, das ist teuer, aber dafür hält ein solches Schmuckstück oft ein halbes Pferdeleben lang und kann problemlos immer wieder aufgefrischt und umgearbeitet werden. Sättel lassen sich natürlich auch aus zweiter Hand erwerben, wobei sie meist wesentlich preisgünstiger ausfallen als neue Sättel. An die Paßform müssen allerdings dieselben Maßstäbe angelegt werden. Oft wird bei gebrauchten Sätteln allerdings eine Aufpolsterung (möglichst beim Hersteller) nötig sein.

Zum Sattel gehören Sattelgurt, Steigbügelriemen, Steigbügel sowie in Einzelfällen Schweifriemen, Vorgurt oder Vorderzeug. Unter den Sattel kommt eine Schweiß aufsaugende Satteldecke. Viele Sattelunterlagen sind auch geeignet, den Druck besser zu verteilen sowie Reibungswärme zu vermindern, oft aber zuungunsten ihrer anderen Eigenschaften. So sind Gelkissen meist nicht in der Lage, Schweiß aufzunehmen und abzuleiten oder Hitze durchzulassen. Eine gute Sattelunterlage läßt sich problemlos faltenfrei unter den Sattel legen, gut auskammern, deckt die gesamte Unterseite des Sattels nahtlos ab, saugt Schweiß auf, läßt Wärme durch und wirkt stoßdämpfend. So ein Wunderwerk hat natürlich seinen Preis, doch ist dies gut angelegtes Geld.

Gebisse und Trensen

Im Pferdemaul sieht es ebenso individuell aus wie auf dem Pferderücken. Die innere Ausformung des Mauls interessiert den Reiter aber erst seit kurzem näher. Seitdem gibt es Gebisse, die für sich in Anspruch nehmen können, anatomisch korrekt geformt zu sein und so für das Pferd angenehm im Maul zu liegen, statt zum ärgerlichen Störfaktor zu werden.

Damit das Gebiß paßt, muß nicht nur seine Konstruktion anatomisch geartet sein, es muß auch in Länge und Dicke stimmig gewählt werden. Die passende Länge wird mit einer einfachen Meßschiene ermittelt bzw. am Gebiß zwischen den Gebißringen gemessen. Zarte, feine Mäuler verlangen nach dünnen Gebissen, in geräumigen Maulhöhlen haben auch Gebisse mit größerem Durchmesser Platz. Allerdings ist die optimale Dicke auch vom Ausbildungsstand, der individuellen Sensibilität der Pferde sowie vom Können des Reiters abhängig. Allgemein gelten dickere Gebisse als angemessen für weniger weit ausgebildete Pferde oder Reiter und für empfindliche Mäuler.

Wie das Gebiß wirkt, hängt im Wesentlichen von seiner Konstruktion ab. Heute bevorzugt man anatomisch geformte, doppelt gebrochene Wassertrensen für die meisten reitsportlichen Disziplinen und Ausbildungsstufen. Alle unter die Rubrik Kandare fallende Gebisse, also alle mit Anzügen versehene Konstruktionen (auch wenn sie nicht als Kandare bezeichnet werden), gehören in die Hände besonders erfahrener Reiter und in die Mäuler kandarenreifer Pferde. Kandarenreif ist ein Pferd nicht etwa, wenn es nur noch mittels Kraftpotenzierung über Ober– und Unterbäume zu „halten“ ist, sondern wenn es sich, auf Wassertrense gezäumt, perfekt selbst trägt und völlig durchlässig ist. Der Reiter sollte sich vor dem Abtransport seines neuen Pferdes genau informieren, mit welchem Gebiß sein Neuling bislang geritten wurde und möglichst zunächst dasselbe Gebiß erwerben.

Das Gebiss muss zum Ausbildungsstand von Pferd und Reiter passen

Das Gebiss muss zum Ausbildungsstand von Pferd und Reiter passen

Gebisse können gebraucht gekauft werden, wenn sie keine Abnutzungsspuren aufweisen, wenn insbesondere alle Verbindungen glatt und ohne scharfe Kanten sind. Gebisse aus rostendem Eisen (sweet iron), wie sie vor allem im Westernsport häufig eingesetzt werden, sehen naturgemäß im gebrauchten Zustand rostig aus, was ihre Qualität nicht mindert.

Zum Gebiß gehört das passende Zaumzeug. Auch hier gilt: Qualität hat ihren Preis, und wer hier spart, spart am falschen Ort. Minderwertiges Leder wird bald brüchig, bei schlechter Verarbeitung lösen sich Nähte und Verschlüsse. Gutes Leder fühlt sich weich und samtig an, ist biegsam, dabei aber nicht formlos. Die Zügel sollten gut in der Hand liegen und eine sanfte Führung ermöglichen. Besonders angenehm sind die geflochtenen Zügel aus dem Islandpferdesport, sie sind ebenso robust wie angenehm in der Handhabung.

Pferdefutter

Ob im Pensionsstall oder im eigenen Stall hinterm Haus, eine bedarfsgerechte Fütterung sichert langfristig Wohlbefinden, Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Pferdes. Der Pferdefreund tut sich oft schwer damit, unter der Fülle an Angeboten die passenden Produkte für das eigene Pferd auszuwählen und neigt dazu, lieber zu viele Mittelchen und Pülverchen zu geben statt zu wenig. Eine Rationsberechnung, ob durch den Fachmann oder mittels eines Computerprogramms, ist deshalb vor allem dem Neuling in Sachen Pferdehaltung anzuraten. So stellt er sicher, dass der individuelle Bedarf seines Pferdes gedeckt werden kann und spart zudem Geld, weil keine unnützen Anschaffungen getätigt werden.

Steht das Pferd in einer Anlage, in der die Fütterung nicht vom Besitzer übernommen wird, müssen allenfalls Zusatzfuttermittel gegeben werden, doch dies ist in der Mehrzahl aller Fälle nicht nötig. Füttert der Besitzer selbst, ist eine individuelle Fütterung, in der auch auf die aktuelle Tagesleistung des Pferdes eingegangen werden kann, möglich. Der Besitzer sollte Vorrichtungen kaufen, die eine natürliche Freßhaltung ermöglichen. Dies sind Bodenraufen für die Rauhfuttervorlage und Futterschüsseln, die auf den Boden gestellt werden. Es ist erwiesen, dass in vielen Fällen alleine die Fehlhaltung der Pferde bei der Futteraufnahme (Überkopfraufen, zu hohe Futtertische oder – krippen) die Entstehung von kissing spines begünstigen kann!

Statt teurer Leckerli sollten frische Karotten oder Äpfel gekauft und gefüttert werden. Für alle anderen Extras (Vitaminpräparate, Kräutermischungen) gilt: Bitte nur bei erwiesenem Bedarf! Auch wenn es sich hierbei „nur“ um Futtermittel handelt, kann doch bei falschem oder übermäßigem Einsatz großer Schaden angerichtet werden.

Grundausrüstung fürs Pferd

Die Einkaufsliste ist lang, das Konto geplündert, doch zweierlei fehlt noch: Eine Grundausrüstung für die Bodenarbeit muß auf jeden Fall her, damit sich in Zukunft die Arbeit unter dem Sattel und vom Boden sinnvoll ergänzen können. Was Sie anschaffen, hängt wesentlich vom gewählten Reitstil und der Spezialisierung ab. Außer dieser Grundausrüstung sollte das Budget unbedingt noch ein paar Euro für Fachliteratur hergeben. Reiten lernt man zwar vor allem beim Reiten, doch nicht nur die Ausbildung des ersten eigenen Pferdes, sondern auch das ganze Drumherum lernt sich leichter, kann man zu Hause auch einmal in Ruhe nachschlagen. Und wenn jetzt immer noch Geld übrig ist, legen Sie es am besten für ein paar solide Lehrgänge an: Etwa für einen Vorbereitungslehrgang zum Sachkundenachweis, ein Sattelseminar, einen Doppellongenkurs oder ein Weideseminar. Mit der richtigen Ausrüstung und dem nötigen Hintergrundwissen wird der Traum vom eigenen Pferd tagtäglich wunderbare Realität …

 

Ihre Angelika Schmelzer

Angelika Schmelzer

Die erfahrene Reiterin, Fachbuchautorin und Pferdefotografin bloggt für KRISTALLKRAFT®.

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