Kleine Pferde, große Herzen: Ponys für Erwachsene

Nichts gegen Warmblüter, aber: Die Welt der Pferde ist so bunt und vielfältig, hält so viele unterschiedliche Typen, Temperamente und Charaktere bereit, dass es schlicht keinen Sinn macht, die reiche Auswahl ohne Not auf einige, wenige akzeptable Rassen zu beschränken. Ponys für den reiterlichen Nachwuchs, Großpferde fürs „richtige“ Reiten, von diesem Vorurteil haben wir uns immer noch nicht so ganz getrennt. Aber was spricht denn nach Meinung von Otto-Normal-Reiter so alles gegen Ponys und wo liegt er richtig, wo völlig daneben?

Pony-Fangemeinde

Abseits der FN-orientierten Reiterei muss niemand mehr von den Vorzügen unserer heimischen oder vielmehr, heimisch gewordenen Ponyrassen auch für Jugendliche und Erwachsene überzeugt werden. Ob Anhänger einer etablierten Reitweise oder Freigeist, viele engagierte und durchaus fachkundige Reiter und Fahrer setzen heute bereits auf die kleineren Kollegen der Warmblüter, und zwar durchaus nicht nur im Anfängerbereich. Denkt man nur an die rührige Islandpferde“szene“, in der national wie international ganz großer Sport geboten wird: Die kleinen Leistungsträger sind alles andere als „typische“ Kinderponys, wenn es denn so etwas überhaupt gibt. Im Westernsport wie auch in der Wanderreiterei sind von Erwachsen gerittene Haflinger und Norweger ein häufiges Bild. Im Fahrsport spannt so mancher Reitponys, Varianten des Shetland Ponys oder Connemara an statt Zweibrücker, Oldenburger oder Friesen.

Aber wer schon einmal versucht hat, als Erwachsener mit einem Pony in einer Dressurprüfung oder Springprüfung zu starten, stößt meist auf Ablehnung. Reiter müssen sich von Richtern Kommentare anhören, die sich zwischen Herablassung („Das hat Ihr Kleiner aber ganz nett gemacht.“) und offener Kritik („Wollen Sie sich nicht endlich einmal ein richtiges Pferd anschaffen?“) bewegen. Auch die Zuschauer reagieren häufig mit Unverständnis, wenn nicht sogar mit strikter Ablehnung. Die reitende und richtende Umgebung übt Druck aus und so wird aus einem potentiellen Ponyfan ganz schnell wieder ein stromlinienförmiger Warmblutreiter.

Sind Erwachsene zu schwer für Ponys?

So pauschal lässt sich das nicht sagen. Am wichtigsten ist das Verhältnis von Reitergewicht zum Gewicht des Pferdes. Ganz klar: Steigt ein Reiter mit einem Kampfgewicht von 95 Kilo in den Sattel eines zarten Reitponys, so sieht das nicht nur unschön aus, sondern bedeutet für das Pony auch eine Überlastung. Ganz zu schweigen davon, dass ein Pferd mit dieser Last kaum in der Lage ist, irgendeine Form von Leistung zu erbringen, was dem Reiter natürlich auch nicht gefallen kann. Eine zart gebaute Frau von 50 Kilo dagegen passt gewichtsmäßig gut in denselben Sattel. Das Ausbildungsniveau spielt allerdings auch eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ob ein und dasselbe Gewicht sich im Sattel geschmeidig oder plump bewegt, ob das Pferd sachgerecht auf die Hinterhand gesetzt wird oder auf der Vorhand schlurft hat natürlich messbare Auswirkungen auf die Belastung des Pferdes.

Welches Verhältnis zwischen Reiter – und Pferdegewicht als Grenzwert anzusetzen ist, darüber streiten sich die Geister. Generell wird ein Verhältnis von 1 : 5 genannt. Wiegen Reiter und Sattel also zusammen 70 Kilo, sollte das Pferd nicht weniger als etwa 350 Kilo Normalgewicht auf die Waage bringen. Auch 1 : 3 wird als Grenzwert ins Spiel gebracht. Ein gewisser Spielraum besteht allerdings durchaus, fließen doch auch Faktoren wie der Ausbildungsstand des Reiters (guter Ausbildungsstand > Pferd darf relativ weniger wiegen), eingesetzter Sattel (große Auflagefläche > Pferd darf relativ weniger wiegen), abgeforderte Leistung (geringe Leistung bei gutem Trainingszustand > Pferd darf relativ weniger wiegen) und Körperbau des Pferdes (stabil: Pferd darf relativ weniger wiegen) in die Überlegungen mit ein. Natürlich spielen auch Alter und Allgemeinzustand des Ponys eine Rolle.

Ponys sind nicht nur etwas für Kinder.

Ponys sind nicht nur etwas für Kinder.

Passen Erwachsene anatomisch nicht auf Ponys?  

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Oft erscheint ein Erwachsener im Sattel eines Ponys alleine deshalb fehl am Platz, weil wir an dieses Bild wenig gewohnt sind. Das Unbekannte wird automatisch als falsch oder unpassend ablehnen. Wer etwa auf einem Islandpferdehof reitet findet nichts dabei, wenn langbeinige Erwachsene auf Ponys reiten; wer dagegen bislang ausschließlich in einem „normalen“ Reitstall verkehrt hat, wird sich an diesem Bild zunächst stoßen.

Häufig ist der Reiter allerdings nicht ganz unschuldig daran, dass der Eindruck einer Disharmonie entsteht. Entweder, weil er für sein Pony tatsächlich objektiv zu schwer oder zu groß ist oder aufgrund eines weit verbreiteten Sitzfehlers. Schlecht sitzende Ponyreiter ziehen oft die Beine hoch und reiten mit offenen Knien und auswärts gerichteten Zehen. Sie treiben mit der Ferse und da ihr Bein dafür eigentlich zu lang ist, wird es eben auf diese falsche Art verkürzt. Richtig ist es, Pferde unabhängig von ihrer Größe mit langem Bein, im korrekten Sitz zu reiten. Getrieben wird mit dem Teil des Beines, das dabei noch am Pferdekörper anliegt.

Kann man Ponys richtig reiten?

Völlig falsch und ein längst überholtes Vorurteil aus einer Zeit, zu der die Ponyzucht hierzulande noch in den Kinderschuhen steckte. Ponys mit schweren, tief angesetzten Hälsen und mangelhafter Ganaschenfreiheit gehören der Vergangenheit an. Heute wird in der Zucht ganz allgemein auf Reitpferdepoints geachtet. Ob sich ein Pferd oder Pony durchs Genick stellen lässt hängt von seiner individuellen Anatomie und vom Geschick seines Reiters ab, nicht (mehr) von der Rassezugehörigkeit. Es fällt dem einen leichter, dem anderen schwerer, letzten Endes ist aber immer das Wissen und Können des Reiters gefragt.

Es ist richtig, dass insbesondere die kleineren Rassen – die sich für Erwachsene nicht eignen – mit einem oft wenig angenehmen, eiligen Trippel-Trab ausgestattet sind und ihnen allgemein in allen Gängen der Raumgriff fehlt, den man von einem Warmblut gewohnt ist. Aber, mal ganz ehrlich: Nicht jeder Reiter freut sich über gewaltige Gänge, die ihm einiges abverlangen. Aufwändige und mit großem Raumgriff ausgestattete Gänge sind schwerer zu sitzen (vom korrekten Herausreiten solcher Talente wollen wir hier gar nicht sprechen). Und die größeren Rassen halten bezüglich ihrer Gänge angenehm die Waage. Überdies weist das Gangwerk der Kleinen einige Vorzüge auf, die einem Großen häufig aus anatomischen Gründen verwehrt bleiben; dazu gehört etwa die Spurtschnelligkeit und Wendigkeit, die bei mancher reitsportlichen Disziplin von entscheidender Bedeutung sein kann.

Sind Ponys frech, faul und stur?

Frech kann man diese Charaktereigenschaft nicht nennen und schon gar nicht können Ponys pauschal derart abgeurteilt werden. Vielleicht darf man formulieren, dass Ponys –möglicherweise auch aufgrund der Tatsache, dass sie zum Glück häufig artgerecht aufgezogen und gehalten werden – häufig ausgesprochen wach und intelligent, einfach pfiffig sind. Faul sind sie nur aufgrund von Überfütterung und falschem Umgang bzw. reiterlichen Fehlern. Es gibt unter den Ponys auch oft Individuen, die als ausgesprochene Leistungsträger angesprochen werden müssen. Nicht selten sind Ponys sogar so fleißig und dabei temperamentvoll (nicht zu verwechseln mit durchgeknallt), dass sie eben nicht als Kinderpferde geeignet sind … Problematisch kann die Tatsache sein, dass Ponys oft als Reitpferde nicht ernst genommen werden und man ihnen deshalb keine gute Ausbildung angedeihen lässt. Zudem ergibt sich bei den ganz kleinen Rassen das Problem, dass sie aufgrund ihrer Größe kaum je von Berufsreitern eingeritten werden können.

Können Erwachsene mit einem Pony keine Turniere mehr bestreiten?

Vor allem abseits des konventionellen Turniergeschehens hegt man Ponys gegenüber keinerlei Vorurteile. Im Westernreitsport stehlen „Alpenquarter“ und Fjordis den „richtigen“ Westernpferderassen regelmäßig die Schau. Bei Streckenritten, wettkampfmäßigem Wanderreiten, Distanzritten und anderen Veranstaltungen ist das bunte Miteinander von Ponys und Warmblütern die Regel, nicht die Ausnahme. Auf den Turnieren des IPZV geht man sogar noch einen Schritt weiter. Hier sind Große und andere Ponyrassen nicht einmal zugelassen, man bleibt ganz elitär unter sich, es sind nur Islandpferde startberechtigt. Wenn Sie also im Sattel eines Ponys auch nach Ruhm und Ehr streben wollen, haben Sie dazu reichlich Gelegenheit.

Für erwachsene Reiter eignen sich z.B. Haflinger sehr gut.

Für erwachsene Reiter eignen sich z.B. Haflinger sehr gut.

Ponys für Erwachsene

Auf der Beliebtheitsskala ganz oben halten sich seit langem schon drei typische Ponyrassen: Islandpferde, Haflinger und Fjordpferde. Alle drei eignen sich – mit den bereits erwähnten Einschränkungen hinsichtlich des Gewichtsverhältnisses – grundsätzlich besonders für Erwachsene. Es sind kompakte, mit belastbarem Fundament und tragfähigem, eher kurzen Rücken ausgestattete kleine Pferde von wacher Intelligenz mit gutem Vorwärtsdrang.

Das Bild des Haflingers hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte gewandelt oder, besser gesagt, gespalten. Während Haflinger des alten Typs ausgesprochen kräftige, fast an ein kleines Kaltblut erinnernde Pferde waren und sind, wurde dem Bedarf an Ponys für den Reitsport zunehmend Rechnung getragen. Der Haflinger wurde in ein etwas edleres, schickeres, besser mit Reitpferdepoints ausgestattetes Pferd umgezüchtet. Allerdings sagt man ihm nach, dass damit der Charakter auch viel von seiner ursprünglichen Umgänglichkeit verloren haben soll. Wie dem auch sei, heute hat der Hafi-Freund die Wahl zwischen dem ursprünglichen und dem Edelblut-Haflinger. Beides ausgesprochen schicke Pferde mit einem für Erwachsene geeigneten Stockmaß und Körperbau.

Das Fjordpferd galt in seiner Heimat ursprünglich als vielseitig einsetzbares Arbeitspferd. Heute wird es überwiegend zum Reiten, teilweise aber auch im Fahrsport eingesetzt. Fjordpferde haben sich in ihrem äußeren Erscheinungsbild weitaus weniger gewandelt als ihre Kollegen aus den Bergen Südtirols, doch auch sie kommen heute als talentierte Reitpferde daher. Ihr kräftiger Körperbau sorgt dafür, dass sich auch Erwachsene auf ihrem Rücken wohl fühlen.

Islandpferde lassen sich nicht über einen Kamm scheren. Vielleicht mehr als bei vergleichbaren Ponyrassen finden wir hier eine große Varianz hinsichtlich Erscheinungsbild und innerer Ausstattung. Die Mehrzahl ist uneingeschränkt für Erwachsene geeignet, das eine oder andere klein und zart geratene Exemplar ist aber sicher auch darunter und gehört dann in Kinderhände. So manches temperamentvolle Sportpferd verlangt allerdings geradezu nach einem fortgeschrittenen, älteren Reiter und würde mit einem kindlichen Reiter kein gutes Team bilden. Zudem ist das Sortieren der Gangarten beim mehrgängig veranlagten Isländer nicht so einfach, wie es die einschlägige Werbung glauben machen will. „Draufsetzen und Lostölten“ ist nicht, oder zumindest nicht lange. Das Islandpferd verlangt einen fortgeschrittenen Reiter, soll es seine Gänge rein und schön zeigen.

Ebenfalls sehr beliebt und recht verbreitet sind die in vier Sektionen gezüchteten Welsh Ponys. Vor allem die größte und kräftigste Sektion, der Welsh Cob oder Welsh D eignet sich für Erwachsene. Die kleinere Variante C und die ausgesprochen zart-elegante Sektion B sind eher in Ausnahmefällen von kleineren, leichten Erwachsenen gut zu reiten. Welsh D bringen eine ausgesprochene Reitpferdeeignung mit und sind hervorragend für die Dressur geeignet, geben aber ebenso gute Springpferde, zuverlässige Wanderreitpferde, talentierte Fahrpferde und wendige Westernpferde ab.

Auch das Connemarapony ist eine solche Pony-Allzweckwaffe. Aufgrund der Zuchtgeschichte finden wir auch hier eine gewisse Varianz. Je nachdem, ob Vollblüter, Araber, Irish Draught oder Andalusier in grauer Vorzeit ihre Gene ins Spiel brachten, kommen heutige Connemara mal sportlich-elegant, mal fast barock, mal ein wenig kräftig daher. Ihnen allen gemein ist die angenehme Größe, die Eignung für Dressur und Springen – es sei an den berühmten Stroller erinnert, der mit nur 145 cm Stockmaß nicht nur im Hamburger Derby die Konkurrenz hinter sich ließ – und natürlich ihre Eignung als Erwachsenen-Reitpony.

Apropos Reitpony: Das Deutsche Reitpony gehört ebenfalls zu den Rassen, die zumindest mit Einschränkung für Erwachsene durchaus geeignet sind. Reitponys unterscheiden sich bis auf die Größe im Zuchtziel nicht wesentlich von Warmblütern. Sie kommen aber insgesamt eher elegant und fein daher. Verglichen mit „richtigen“ Ponys gleicher Größe sind sie im Fundament oft zarter, im Temperament nerviger. Schwergewichtige und/oder ausgesprochen langbeinige Erwachsene gehören eher nicht in den Sattel eines Reitponys. Neben diesen bekannten und weit verbreiteten Rassen tummeln sich noch viele weitere in deutschen Reitställen und Gestüten. Vom Tinker bis zum Fell Pony, vom New Forest bis zum Lewitzer. Sie alle eignen sich grundsätzlich oder unter gewissen Voraussetzungen auch oder sogar besonders für Erwachsene.

Ponys aus den hiesigen Zuchtgebieten sind keinesfalls Pferde zweiter Klasse. Sie dürfen nicht am Warmblut gemessen werden, denn dieses gibt keine allgemeingültige Meddlatte vor. Nein, Ponys bringen ganz eigene Eigenschaften von Exterieur, Interieur und Gangwerk mit, Eigenschaften, die sie bereits zum geschätzten Partner vieler erwachsener Reiter gemacht haben. Wer bei der Wahl eines geeigneten Reitpferdes die Ponys von vornherein ausschließen will, weil „man“ einfach keine Ponys reitet, tut ihnen nicht nur Unrecht, sondern bringt sich selbst um ein Reitvergnügen der ganz besonderen Art. Denn dass die Kleinen einfach über ein besonders großes Herz verfügen, weiß jeder Ponyreiter schon lange …

Ihre Angelika Schmelzer

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Angelika Schmelzer

Die erfahrene Reiterin, Fachbuchautorin und Pferdefotografin bloggt für KRISTALLKRAFT®.

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