Physik am Pferdekopf – wie wirken Gebisse und Zaumzeuge?

Auf den ersten Blick erscheint die Schnittmenge zwischen Physik und Pferdesport überschaubar klein – auf den zweiten Blick aber bewahrheitet sich das, was viele Lehrer ihren Schülern immer wieder erklären: Sie lernen fürs Leben, nicht für die Schule. Tatsächlich sind manche im Physikunterricht erworbene Grundkenntnisse ganz nützlich, will man verstehen, wir die von uns Reitern eingesetzten Ausrüstungsgegenstände tatsächlich wirken.

Pferdesport ist auch Physik

Natürlich lassen sich beim Reiten wesentliche Bewegungsabläufe mit Begriffen der Mechanik erklären, unsere Pferde wie auch wir selbst stehen nervlich quasi ständig unter Strom und unser Wissen über die Funktion des Pferdeauges entnehmen wir natürlich der Optik. Ein ganz wichtiger Anwendungsbereich der praktischen Physik findet sich aber, wo wir ihn nicht vermuten würden: im Zusammenhang mit der Ausrüstung. Hier macht es durchaus Sinn, sich ein paar grundlegende Prinzipien vor Augen zu halten – Formeln muss man dafür aber nicht lernen, es reicht der gesunde Pferdemenschenverstand …

Wer einen Sattel kauft, der legt die zur Auswahl stehenden Modelle nicht nur auf den Pferderücken auf, prüft die Passform, reitet Probe und stimmt die Bauweise des Sattels mit der eigenen Anatomie ab, sondern er sieht sich besonders kritisch die Auflagefläche des Sattels an. Das Gewicht des Reiters wird über die Kontaktfläche zwischen Sattel und Pferdehaut auf den Pferderücken übertragen. Pro Flächeneinheit ist bei gleichem Gewicht die Belastung umso größer, je kleiner die Auflagefläche ist – ein banaler, aber durchaus interessanter Zusammenhang. Viele Reiter achten heute beim Sattelkauf vermehrt auf diese und andere Aspekte, denn nur ein in jeder Beziehung passender Sattel erlaubt Ritte, die auf beiden Seiten des Leders als angenehm empfunden werden.

Weniger Aufmerksamkeit widmet der Reiter oft dem Zubehör im Kopfbereich. Hier wird gekauft, was gefällt, was passt. Das Gebiss wird mit dem Ausbildungsstand, dem Einsatzbereich abgestimmt, oft aber auch wird ein wenig unbedacht dem neuesten Trend gefolgt oder versucht, Ausbildungsdefizite durch den Einsatz maximale Wirkung versprechender Mundstücke aufzufangen. Es kann durchaus sinnvoll sein, sich bei der Wahl von Zaumzeug und Gebiss ein paar grundlegende physikalische Prinzipien ins Gedächtnis zurückzurufen.

Der Kopf des Pferdes ist sehr empfindlich, nur eine dünne Hautschicht bedeckt den Knochen.

Der Kopf des Pferdes ist sehr empfindlich, nur eine dünne Hautschicht bedeckt den Knochen.

Anatomie des Pferdekopfes

Wie gut Ihr Pferd dastehen mag, wie dick die Vorratsschicht für kommende Wintermonate auch ausfällt, am Kopf besteht es fast nur aus Haut und Knochen. Eigentlich ist dieser Bereich viel zu empfindlich, um daran eine Menge Leder und Metall zu befestigen. Nur eine dünne Hautschicht bedeckt den Schädelknochen, keine umfangreichen Fettpolster oder Muskelberge liegen schützend dazwischen. Große und kleine Blutgefäße laufen hier, teils deutlich sichtbar immer dann, wenn das Pferd angestrengt arbeitet. Aber auch viele Nerven und andere wichtige Strukturen – etwa die Speicheldrüsen und ihre Ausführungsgänge – sind im Bereich der Oberfläche unsichtbar „eingebaut“ oder verlaufen oft nur wenige Millimeter unterhalb des dünnen Fells. Diese Strukturen sind besonders empfindlich – wir Menschen kennen das Phänomen, wenn wir uns versehentlich den kaum geschützten, am Ellbogen direkt unter der Haut liegenden Nervus ulnaris anhauen – dieser „Musikantenknochen“ sagt uns dann sehr deutlich, was er von dieser groben Behandlung hält! Ähnlich müssen wir uns die Situation am Pferdekopf vorstellen. Anders als die größeren Blutgefäße, deren Verlauf sich zumindest erahnen lässt, zeichnen sich die Nerven allerdings nicht ab, oft aber begleiten sie die Adern.

Es liegt auf der Hand, dass diese empfindlichen Strukturen es nicht vertragen, wenn zu großer oder zu lang andauernder Druck ausgeübt wird. Lange bevor die Haut darauf mit sichtbaren Spuren reagiert, leiden bereits die Nervenbahnen, werden Blutgefäße gequetscht, wird Gewebe durch den Druck und die Reibung regelrecht am darunter liegenden Knochen zerrieben. Dies verläuft optisch wesentlich weniger dramatisch als etwa ein ausgewachsener Satteldruck, aber gerade deshalb wird die Problematik oft unterschätzt.

Was kann der Reiter tun? Eine ganze Menge! Das Zaumzeug sollte so geschnitten sein, dass es der Anatomie des Pferdekopfes folgt und nicht auf Knochenvorsprüngen oder anderen empfindlichen Stellen drückt oder reibt (Ohrknorpel, Gesichtsleiste). Weiches, breit geschnittenes Leder ohne hervortretende Nähte oder Schnallen an der Unterseite ist zu bevorzugen. Rundgenähte Zaumzeuge sehen zwar besonders schick aus, die Auflage ist allerdings auch sehr schmal, der ausgeübte Druck verteilt sich somit nur auf eine kleine Fläche. Grundsätzlich ist immer zu prüfen, wie viel Leder tatsächlich sein muss: So manches Riemchen erfüllt keine Funktion und kann getrost weggelassen werden. Soll ein Overkill an Leder lediglich Ausbildungsdefizite übertünchen, ist ganz sicher Umdenken angesagt.

Beim Verschnallen muss mit Gefühl die korrekte Einstellung gefunden werden. Zu locker und das Zaumzeug sitzt nicht und reibt durch die Bewegung. Zu fest und der ausgeübte Druck übersteigt das verträgliche Maß. Schwer einzuschätzen sind Elemente mit einer Umlenkung (Schwedenhalfter), da die Flaschenzugwirkung kaum mehr eine gefühlvolle Dosierung zulässt. Problematisch können außerdem Bestandteile der Ausrüstung sein, die während der Arbeit unterschiedlich straff anliegen (z.B. Kinnketten) oder elastische Elemente, deren Spannungsgrad sich nicht leicht einschätzen lässt (haben wir am Kopf weniger, finden wir gerne aber bei Sattelgurten mit Gummizug) und die deshalb oft mit zu viel Druck aufliegen.

Pferde haben keinen Schmerzlaut, sie leiden stumm.

Pferde haben keinen Schmerzlaut, sie leiden stumm.

Wenn Pferde Schmerzen haben

Wo ein Hund jaulen, eine Katze fauchen oder wimmern würde, leidet das Pferd stumm – Pferden fehlt ein Inventar an für uns Menschen verständlichen und erkennbaren Schmerzäußerungen weitgehend. Deshalb ist der Reiter gefordert, besonders gut hinzusehen und nicht dem Trugschluss zu verfallen „Wenn´s ihm weh täte, würde er das schon zeigen!“ – tut er leider nicht. Meist fehlen im Kopfbereich anders als etwa in der Sattellage auch deutliche Hinweise wie sichtbare Schwellungen oder weiß nachwachsende Haare, sodass der Reiter sich hier ganz auf sein Gefühl verlassen muss. Scheinbare Widersetzlichkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten sind ihm ein Hinweis auf bestehende und durchaus lösbare Probleme, wenn er um die verborgenen, empfindlichen Strukturen des Kopfes weiß. Man kann durchaus spekulieren, ob und inwieweit so manches Headshaking-Syndrom seine Ursache ursprünglich einmal in zu eng verschnalltem, unpassendem oder schlecht sitzendem Zaumzeug hatte – seitens der Wissenschaft wird vermutet, dass ein Teil der betroffenen Pferde an Erkrankungen der Gesichtsnerven leidet. Ein Zusammenhang kann zumindest nicht ausgeschlossen werden. Vorbeugend kann der Reiter vielleicht der Unsitte, Pferde im Kopfbereich wie Weihnachtspakete mehrfach zu verschnüren, einfach abschwören – bei einer guten Ausbildung kommen Reiter und Pferd mit wenigen, einfachsten Ausrüstungsgegenständen hervorragend zurecht, bei schlechter Grundlage hilft ein Übermaß an Ausrüstung nicht wirklich …

Gebisse mit Hebelwirkung

Wie man im physikalischen Sinne mit wenig Aufwand maximale Wirkung erzielt, das wusste schon Archimedes, der wohl bedeutendste Mathematiker, Physiker und Techniker der Antike. Er formulierte selbstbewusst: „Gib mir einen Punkt, auf dem ich stehen kann und ich hebe Dir die Welt aus den Angeln!“ und erklärte so das Grundprinzip der Hebelwirkung. Hier „dreht“ sich im wahrsten Sinne des Wortes alles um einen fixen Punkt, Angelpunkt genannt. Hebel begegnen dem Reiter nicht nur in vielen Bereichen der Technik, sondern auch im Reitsport: Nämlich immer dann, wenn er ein Gebiss mit Hebelwirkung einsetzt, eine Kandare. Der Begriff wird nicht immer trennscharf benutzt: Mal versteht man darunter ausschließlich die Dressur – und Fahrkandaren, meist aber alle Gebisse mit eingebauter Hebelwirkung.

Kandaren unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Wirkungsweise in zwei wesentlichen Punkten von Gebissen ohne Hebelwirkung:

  • Die vom Reiter über die Zügelhand ausgeübte Wirkung entfaltet sich nicht nur im Pferdemaul, sondern auch in anderen Bereichen des Kopfes; bei der traditionellen Dressurkandare vor allem in der Kinngrube (über die Kinnkette) sowie im Genick (durch die Drehung des Oberbaums).
  • Die Einwirkung des Reiters wird in ihrer Intensität potenziert, wobei diese Verstärkung bei gleicher Einwirkung je nach Konstruktion mehr oder weniger stark ausfallen kann.

Bei klassischen Dressurkandaren besteht das Mundstück aus einer Stange mit leichter Zungenfreiheit. Rechts und links sind feste metallene Querteile angebracht, wobei das nach oben gerichtete Verbindungsstück zum Backenstück der Zäumung als Oberbaum bezeichnet wird. In seiner Verlängerung nimmt der Unterbaum an seinem Ende die Zügel auf.

Gebisse mit Hebelwirkung gibt es in verschiedensten Ausführungen. Hier sind die Zügel so verschnallt, dass der Hebel nicht zum tragen kommt.

Gebisse mit Hebelwirkung gibt es in verschiedensten Ausführungen. Hier sind die Zügel so verschnallt, dass der Hebel nicht zum tragen kommt.

Neben der Dressurkandare begegnen uns Gebisse mit Hebelwirkungen in vielerlei Gestalt, nicht immer sind sie ohne weiteres als Kandaren zu erkennen. Vor allem der Unterbaum kann verschieden konstruiert sein; dem Reiter hilft es dann, sich eine Linie zwischen Ansatzstelle am Mundstück und Zügelbefestigung zu denken, diese gedachte Linie entspricht dann dem eigentlichen Hebel, dem Unterbaum. Diese Hilfskonstruktion ist wichtig, um die Einwirkung jeder Kandare wenigstens ungefähr abschätzen zu können, da diese von der Länge der Bäume bzw. dem Verhältnis von Ober – und Unterbaum zueinander abhängt.

So sind Pelham, Kimblewick/Springkandaren oder Aufziehtrensen (heißt zwar Trense, hat aber Hebelwirkung) ebenfalls gebräuchliche Hebelgebisse, wobei etwa das Kimblewick erst auf den zweiten Blick als solches zu erkennen ist. In anderen Bereichen des Reitsportes finden wir ebenfalls Kandaren, etwa in der Gangpferdereiterei (Islandkandare, Spezialgebisse für größere Gangpferderassen), bei den Westernreitern (snaffle with shanks) oder in der barock orientierten Reiterei (S-Kandare).

Ist das Mundstück keine Stange, sondern einfach oder gar doppelt gebrochen, entfaltet die Kandare eine völlig andere und insgesamt eher verschwommene Wirkung. Die S-förmige Krümmung der gleichnamigen Kandare führt nicht, wie oft zu lesen, zu einer weniger deutlichen oder verzögerten Einwirkung, entscheidend ist auch hier die gedachte Linie zwischen Ansatz am Mundstück und Zügelbefestigung. Für unsere Zwecke ist es momentan von nachgeordneter Bedeutung, ob die Kandare mit oder ohne Unterlegtrense, mit einem oder zwei Zügelpaaren eingesetzt wird. Wichtig für den Reiter ist: Was macht das Hebelgesetz mit seiner Zügeleinwirkung?

Kandaren im Pferdesport

Wird durch einen Zug am Zügel (richtig, am Zügel darf man nicht ziehen, so ist das hier auch nicht gemeint) das untere Ende des Unterbaums nach hinten, in Richtung Reiter bewegt, so dreht sich dabei der Oberbaum gleichzeitig nach vorne, in Richtung Pferdenase, verkürzt über das Backenstück das Genickstück und übt Druck auf das Genick aus, spannt aber auch gleichzeitig die Kinnkette und führt zu Druck in der Kinngrube. Die Ansatzstelle am Mundstück wirkt als Fixpunkt, Angelpunkt genannt. Der Angelpunkt selbst bewegt sich nicht.

Die Hebelgesetze finden da Anwendung, wo ein starrer Körper (das sind in unserem Fall Ober – und Unterbaum, die beiden Hebelarme) an einem Angelpunkt so befestigt ist, dass er sich um den Angelpunkt drehen kann. Mit Hilfe dieser Grundkonstruktion lassen sich mit wenig Kraft große Massen (im Sinne von Gewicht, nicht Volumen) bewegen. Dabei spielen die relativen Längen der beiden Hebelarme eine große Rolle. Es gilt: Je länger der Hebelarm, auf den die Kraft einwirkt (das ist der Unterbaum einer Kandare), desto größer das Drehmoment. Je länger der Oberbaum in Bezug auf den Unterbaum dabei ist, desto größer der Weg, den der Oberbaum dabei bei gleicher Einwirkung an seiner Befestigung im Backenstück zurücklegt, desto geringer die Intensitätsverstärkung durch den Hebel.

Es kommt bei Einsatz einer Kandare also immer zu einer Verstärkung des Zügelanzugs; wie groß diese ausfällt, ist zum einen von der Länge der Hebel (je länger, desto mehr), aber auch von ihrem Längenverhältnis (Länge Oberbaum zu Länge Unterbaum) abhängig. Je größer dieses ausfällt (also etwa sehr kurzer Oberbaum zu sehr langer Unterbaum), desto größer fällt auch die Verstärkung aus, während ein enges Verhältnis (Unterbaum annähernd gleichlang wie Oberbaum) zu einer weicher wirkenden Kandare führt.

Die in jedem Fall vorhanden Intensivierung jeder Zügeleinwirkung ist auch der Grund dafür, warum bei Pferd und Reiter zunächst die Kandarenreife gegeben sein muss, bevor eine Kandare zum Einsatz kommen kann. Nur bei einem Pferd, das vertrauensvoll an der Hand steht, durchlässig auf alle (Zügel)Hilfen reagiert und sich in feiner Anlehnung in den Lektionen reiten lässt, kann die Kandare ihre eigentliche Bestimmung entfalten: Noch feiner, noch schöner reiten. Und das mit Hilfe der Physik – wer hätte das gedacht!

 

Ihre Angelika Schmelzer

 

Angelika Schmelzer

Die erfahrene Reiterin, Fachbuchautorin und Pferdefotografin bloggt für KRISTALLKRAFT®.

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