Seniorenturnen – Oma und Opa Pferd sinnvoll bewegen

Altern ist ein Prozess, kein Zustand. Alter ist keine Krankheit. Es spricht nichts dagegen und viel dafür, auch und gerade alte Pferde regelmäßig zu bewegen – so bleiben sie fit wie ein Turnschuh, ein alter Turnschuh eben. Das Zauberwort heißt in diesem Zusammenhang „angemessen“. Wie sieht angemessene, altersgerechte Bewegung aus?

Irgendwo zwischen Sitzgymnastik und Ultramarathon liegt sie, unsere menschliche Leistungsfähigkeit im Seniorenalter. Die körperliche Fitness hat oft weniger mit dem Alter zu tun, als uns dies bewusst ist. Auch unsere Pferde altern individuell – manche Pferde wirken bereits in jungen Jahren körperlich, aber auch mental „verbraucht“, andere erhalten sich bis ins hohe Alter ihre geistige und körperliche Beweglichkeit. Es gibt darum keine verbindliche „Gebrauchsanleitung für Pferdesenioren“, die klar erkennen lässt, mit welchem Lebensalter wie mit einem Pferd verfahren werden muss. Was ein Pferdesenior noch leisten kann, will und sollte, muss sein zweibeiniger Freund und Begleiter selbst beurteilen.

Alte Pferde

Ob und in welchem Lebensjahr ein Pferd als „alt“ gelten kann, lässt sich also pauschal nicht sagen. Unter optimalen Umständen, wenn Pferde also nicht aufgrund dauernder „Unbrauchbarkeit“ frühzeitig getötet werden oder aufgrund einer Krankheit, eines Unfalls sterben, dürften sie ohne weiteres dreißig Jahre und mehr erreichen können. Grob geschätzt, wird die Mehrzahl aller Pferde den Gipfel ihrer Leistungsfähigkeit mit sechzehn bis achtzehn Jahren erreicht oder überschritten haben. Meist lässt sich beobachten, dass gut gepflegte und trainierte Pferde ihr bis dahin erreichtes Niveau ohne weiteres eine ganze Weile halten können, oft gewinnen sie aufgrund zunehmender Reife, Gelassenheit und Würde sogar noch an Ausstrahlung.  Erst einige Jahre nach diesem Stillstand der Entwicklung ist ein Nachlassen der körperlichen wie geistigen Leistungsfähigkeit zu beobachten: Das Pferd wird nun alt.

Mit der Alterung ist vor allem eine Verlangsamung aller Stoffwechselprozesse verbunden, die sich in jeder einzelnen Zelle nachweisen lässt und natürlich den Organismus in seiner Gesamtheit betrifft. Diese zunehmende Einschränkung der Zellaktivität bringt es mit sich, dass beispielsweise

Alte Pferde tun sich oft mit dem Fellwechsel schwer.

Alte Pferde tun sich oft mit dem Fellwechsel schwer.

  • Futter weniger gut verdaut, also aufgeschlossen und genutzt werden kann,
  • minimale Schäden, wie sie dauernd unbemerkt im ganzen Körper auftreten, weniger gut und weniger schnell repariert werden,
  • innere Organe an Leistungsfähigkeit einbüßen,
  • Belastungsspitzen nicht mehr einfach weggesteckt werden können,
  • die Beweglichkeit insbesondere der Gelenke abnimmt,
  • die Widerstandsfähigkeit gegenüber Witterungsreizen abnimmt und
  • die Anpassung an die Jahreszeiten (Fellwechsel, Fetteinlagerung) weniger gut abläuft,
  • die Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten zunimmt und Erkrankungen allgemein langsamer auskuriert werden.

Diese Veränderungen sind fließend und begleiten uns und unsere Pferde schon ihr ganzes Leben lang. Sie betreffen die Haltung, Fütterung, Pflege und das Training. Für alle Bereiche gilt, dass es für jedes Lebensalter optimale und suboptimale Parameter gibt. Was für ein Jungpferd genau richtig ist, passt für ein ausgewachsenes Reitpferd nicht mehr, was für Fohlen gilt, gilt nicht für Senioren – das betrifft natürlich auch das Training.

Es ist nicht sinnvoll und in vielen Fällen sogar schädlich für das Pferd, wenn es mit abnehmender Leistungsfähigkeit von einem Tag auf den anderen das „Gnadenbrot“ erhält, also komplett aus der Arbeit genommen, aber bis ans Lebensende versorgt wird. Sprechen nicht massive gesundheitliche Probleme gegen jede Form der Bewegung, können und sollten auch alte Pferde regelmäßig gearbeitet werden – Bewegung ohne Belastung lautet hier das Motto.

Training für Pferdesenioren

Obgleich sie in ihrer allgemeinen körperlichen Leistungsfähigkeit im Durchschnitt hinter ihren jüngeren Kollegen liegen, haben ältere und alte Pferde durchaus Eigenschaften aufzuweisen, die sie als Reitpferd für bestimmte Gruppen besonders empfehlen. Bei erhaltener Gesundheit zeichnen ältere Pferde diese positiven Eigenschaften aus:

  • Toleranz gegenüber ungeschickter Handhabung durch unerfahrene oder unsichere Reiter,
  • größere Ruhe und Abgeklärtheit in potentiellen Gefahrensituationen aufgrund ihrer reichen Erfahrung,
  • Abgeklärtheit, geringere Neigung zu spontanen Reaktionen,
  • Gleichmäßigkeit im Tempo, größeres Gleichmaß in Raumgriff und Takt,
  • Erfahrung mit unterschiedlichen Ausrüstungsgegenständen und Ausbildungsmethoden sowie natürlich
  • ein höheres Ausbildungsniveau.

Was ihnen an roher Kraft und Durchhaltevermögen fehlen mag, vermögen sie durch ihre größere Zuverlässigkeit und ihr umfangreicheres Wissen mehr als wett zu machen. Ältere Pferde empfehlen sich deswegen vor allem

  • als Erst-Pferd,
  • als Reitpferd von Späteinsteigern,
  • für ängstliche, unsichere oder eingeschränkt leistungsfähige Reiter und
  • als Lehrpferd für jüngere Kollegen.
Auch alte Pferde sollten im angemessenen Maß gearbeitet werden.

Auch alte Pferde sollten im angemessenen Maß gearbeitet werden.

Gesundheit im Alter

Aus verschiedenen Gründen ist es unerlässlich, Pferde möglichst bis an ihr Lebensende in der Arbeit zu halten: „Wer rastet, der rostet“. Der muskuläre wie der knöcherne Trageapparat muss täglich geübt werden, damit er nicht versteift. Hat das Pferd einmal Muskulatur abgebaut, sind die Gelenke aufgrund fehlender Übung unbeweglich geworden, ist aufgrund des fortgeschrittenen Alters dieser Prozess oft nicht mehr umkehrbar.

Bei der Arbeit von und mit Pferdesenioren ist vor allem zu beachten:

  • Die initiale Aufwärmphase (Dehnungsphase) und die abschließende Erholungsphase sind verlängert, die Leistungsphase wird zunehmend verkürzt.
  • Enge Wendungen und Versammlung fallen zunehmend schwerer.
  • Häufige Wechsel im Tempo und hohe Tempi sind „out“, längere Reprisen in geruhsamem Tempo sind „in“.
  • Der Schwerpunkt verlagert sich allmählich von der Arbeit unter „Normallast“ (normaler Reiter plus Sattel plus evtl. Gepäck) zur Arbeit mit geringer Last (leichter Reiter/Reitkind/Ponyführen plus leichter Sattel/fallweise Sattelkissen, kein Gepäck) oder Bewegung ohne Last (Bodenarbeit, Handpferd, Spazieren).
  • Die Trainingseinheiten werden nicht zwangsläufig kürzer, sondern fallweise sogar länger, weil das Aufwärmen und die Nachsorge nach der Belastung mehr Zeit in Anspruch nehmen; die Belastungsintensität aber nimmt ab.
  • Longieren auf kleinem Zirkeldurchmesser, Arbeit auf tiefem oder schwerem Boden sowie das Laufen auf und über erhebliche Unebenheiten gilt es zu vermeiden (Überlastung, Stolpern).
  • Senioren mögen es oft nicht, wenn man sie mit völlig neuen Trainingsinhalten konfrontiert. Legen Sie besser in jungen Jahren eine vielseitige Grundlage (Bodenarbeit!), auf der Sie im Alter aufbauen können.
  • Routine ist wichtig, darf aber nicht in Langeweile ausarten.
  • Regelmäßigkeit ist ebenso wichtig, möglichst fünfmal pro Woche sollte der Senior gearbeitet werden.

Besonders geeignet sind folgende Bewegungsformen:

  • Reiten ohne große Ansprüche unter leichtgewichtigen Reitern,
  • Fahren vom Boden und Langzügelarbeit mit unterschiedlichen Schwerpunkten (Gymnastik in der Reitbahn, Abwechslung im Gelände, einfache Trailhindernisse für den Kopf – Achtung, ohne Stolperfallen!)
  • Joggen an der Hand in ruhigem Tempo, später Spaziergänge,
  • ruhiges Arbeiten als Handpferd oder
  • Longieren/Doppellongenarbeit, sofern das Pferd noch beweglich genug ist, nicht unter Arthrose leidet und ein genügend großer Longierzirkel mit geeignetem (weichem, nicht zu tiefem) Geläuf vorhanden ist.

Es kann durchaus auch sein, dass der Besitzer des Pferdes nicht mehr sein optimaler Trainingspartner ist – vielleicht ist der Senior glücklicher mit einem Kind im Sattel, das wenig wiegt und nicht viel verlangt? Manchmal ist es schon vor dem endgültigen Abschied notwendig, selbst ein wenig zurückzustecken – wenn der Senior dann erfüllt und glücklich seinen Lebensabend wirklich genießt und nicht nur erträgt, muss das genug sein …

 

Ihre Angelika Schmelzer

 

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Angelika Schmelzer

Die erfahrene Reiterin, Fachbuchautorin und Pferdefotografin bloggt für KRISTALLKRAFT®.

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