Vierbeinige Naturschützer: Pferde im Naturschutz

Rasmus steht am Weidezaun und lässt sich unterm Schopf kraulen. Genüsslich schließt er die Augen und seufzt tief auf. Das tut gut! Seine Kollegen ringsherum lassen sich derweil das Gras schmecken, und rundherum lärmen eine Menge Vögel. Ein idyllisches Bild, was kein Zufall ist: Das Kaltblut Rasmus lebt mitten in einem Nationalpark.

Nur auf den ersten Blick könnte man ihn für ein ganz normales Pferd halten, aber Rasmus ist etwas Besonderes, sozusagen ein Pferd mit Mission: Er ist mit Leib und Seele Umweltschützer! Davon merkt man im Moment nicht viel, denn Rasmus hat gerade Pause – auch Naturschützer müssen schließlich mal ausruhen. Während seiner Arbeitszeit aber geht er seinem Beruf als Zugpferd auf ganz besondere Weise, in einer ganz besonderen Landschaft, mit ganz besonderen Aufgaben nach.

Rasmus teilt sich die Koppel mit einigen anderen Kaltblütern, ein paar Haflingern und Shetties und mit Hunderten von Seevögeln. Möwen kreisen lärmend, Austernfischer palavern um die Wette, scheue Eiderenten und Brandgänse halten sich im hinteren Teil der Weide auf, die den Blick über Salzwiesen bis aufs Watt freigibt. Ganz hinten, mit den langen Füßen im Wattwasser, suchen die seltenen Säbelschnäbler ihr Futter. Ein paar hundert Meter weiter kann man sogar drei Löffler sehen, die hier brüten. Überall an Land und im Wasser sind seltene und schützenswerte Tiere und Pflanzen zuhause, Rasmus lebt nämlich mitten im Nationalpark, auf der ostfriesischen Insel Baltrum, wo die Natur Vorfahrt hat. Und Rasmus natürlich.

Gut für Mensch und Tier

Die Ostfriesischen Inseln, die aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur der Nordseeküste Deutschlands vorgelagert sind –  Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog und Wangerooge – sind eigentlich nichts anderes als bewohnte Sandbänke mitten in der Nordsee. Sand ist nun nicht unbedingt ein stabiles Fundament, auf dem sich sicher leben lässt, und auch die Nordsee ringsherum hat bis heute nichts von ihrer Wildheit eingebüßt.

Viele Tiere und Pflanzen fühlen sich trotzdem an und in der Nordsee wohl. Besonders das Gebiet längs der Küste, das Watt, ist ein Vogelparadies. Hier ist das Meer sehr flach und diese flachen Bereiche werden von den Gezeiten täglich zweimal überspült und wieder freigelegt. Dadurch ist das Watt besonders reich an Nahrung, und das wissen auch die Vögel. So leben Tausende von Seevögeln dauerhaft im Raum von Küste, Wattenmeer und Inseln, zudem aber ist dieses Gebiet auch ein wichtiger Rastplatz für Zugvögel.

Und im Meer schwimmen nicht nur die leckeren Nordseekrabben und jede Menge Fische, sondern auch Schweinswale, Rochen, Haie und Tintenfische. Interessante, seltene, wichtige und schützenswerte Tiere – wie überhaupt der ganze Lebensraum „Wattenmeer“ geschützt werden muss. Nur: Naturschutz lässt sich nie gegen, sondern immer nur mit den Menschen durchsetzen, und dazu müssen Kompromisse möglich sein. Hier nun kommen Rasmus und seine Kollegen ins Spiel.

Im Wald feiern die Rückepferde schon lange ihr Comeback

Im Wald feiern die Rückepferde schon lange ihr Comeback

Urlaub und Naturschutz mit Pferden

Die Menschen, die auf den Inseln wohnten und wohnen, mussten sich immer schon anpassen, mussten Mittel und Wege finden, auf den kleinen, eher kargen und einsamen Inseln zu überleben. Ihre Lösung heute heißt vor allem „Tourismus“. Aber eben „Sanfter Tourismus“. Tourismus ist im Prinzip nicht nur für Urlauber, sondern auch für Einheimische eine feine Sache, Tourismus kann aber auch eine Menge Probleme verursachen, vor allem in empfindlichen Ökosystemen. Es gilt also, eine gesunde, langfristig verträgliche Balance zwischen Naturschutz und Tourismus zu finden und zu erhalten, und genau hier leisten Rasmus und seine Kollegen auf den Nordseeinseln und in vielen anderen Nationalparks und Naturschutzgebieten wertvolle Dienste.

Zur Balance zwischen Umweltschutz und Tourismus gehört ein Konzept, das bewusst auf 1 PS setzt: Baltrum ist, wie manche andere Nordseeinsel auch, eine komplett autofreie Insel. Keine Autos, das bedeutet vor allem: Kein Lärm, keine Abgase, keine zubetonierte Landschaft, Genuss statt Schnelligkeit, bewusstes Erleben, zur Ruhe kommen. Was gut für die Natur ist, ist auch gut für die Menschen.

Trotzdem müssen irgendwie Waren ausgeliefert, Gepäckstücke transportiert, Postsendungen zugestellt, Abfälle entsorgt werden. Müssen Touristen vom Hafen zur Unterkunft gelangen und wieder zurück. Sollen Touristen mit eingeschränkter Beweglichkeit ebenso am Leben auf der Insel teilhaben können wie ihre fitten Pensionsnachbarn.

Pferde mit Mission

Und das genau ist die Aufgabe von Rasmus und Co. Ein – oder zweispännig fahren sie unermüdlich über die Insel und transportieren, was denn so transportiert werden muss. So mischt sich in das Geschrei der Möwen, das Lachen der Kinder, das Schnaufen der Jogger, das Wehen des Nordseewindes und das Rauschen der Wellen immer wieder das vertraute Klippklopp von Hufen. Rasmus und Kollegen sind mal wieder bei der Arbeit und helfen mit, dass auf den Nordseeinseln Mensch und Natur in Harmonie leben können. Es hat schon etwas, wenn die Müllabfuhr von zwei netten Kaltis gezogen wird oder vor das Taxi zwei hübsche Haflinger gespannt sind … Mit Hilfe der vierbeinigen Naturschützer werden sich Brachvögel und Eiderenten, Brandgänse und Sanderlinge, Austernfischer und Säbelschnäbler wohl auch in Zukunft noch auf Baltrum, Juist und anderswo wohl fühlen – und Touristen, denen nach Meer, Sand, Sonne und einer intakten Umwelt zumute ist, ebenso.

Natürliche Aufgaben für eine Pferdestärke

Nicht nur im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, sondern auch in anderen schützenswerten Landschaften setzt man heute wieder mehr auf Pferde. Touristen überall nehmen gerne das Angebot an, sich ganz gemütlich von Pferdestärken von A nach B transportieren zu lassen. Dieses Konzept hat auch großen Einfluss auf das Image solcher Urlaubsgebiete und nicht zuletzt auf die Stimmung vor Ort. Es geht einfach gelassener zu.

Aber wie verhält es sich dort, wo nicht entspannt, sondern hart gearbeitet wird? Nicht nur direkt oder indirekt im Tourismus setzt man heute in ökologisch sensiblen Bereichen wieder mehr aufs Pferd. Auch in anderen Bereichen haben sich insbesondere die Kaltblutpferde Arbeitsgebiete zurückerobert, die sie vor nicht allzu langer Zeit an lärmende Maschinen verloren hatten. So werden sie heute recht häufig wieder als Rückepferde im Wald eingesetzt. Vor allem in dichten Baumbeständen, an steilen Hängen und in empfindlichen Bereichen schätzt man die leise, umweltverträgliche Arbeit der gutmütigen Kaltblutpferde. Auch in der ökologischen Landwirtschaft und auf Bio-Weinbauhöfen wird immer häufiger erfolgreich mit einem PS gearbeitet. Schon länger werden schützenswerte Flussauen von leichten Robustpferderassen umweltverträglich beweidet. Vielleicht sind hierzulande auch die Ranger in Nationalparks bald zu Pferd unterwegs wie in den USA.

Längst hat man eingesehen, dass all dies keine „Öko-Spinnerei“ ist, sondern ganz handfeste, auch ökonomische Vorteile für die Betriebe erbringt. Und: Es hat den vor wenigen Jahrzehnten noch vielfach vom Aussterben bedrohten Kaltblutpferderassen eine sichere Zukunft verschafft, denn vor allem sie werden im Naturschutz eingesetzt. Rasmus und seine Kollegen dürften sich auf weitere „grüne“ Aufgaben freuen …

 

Ihre Angelika Schmelzer

Angelika Schmelzer

Die erfahrene Reiterin, Fachbuchautorin und Pferdefotografin bloggt für KRISTALLKRAFT®.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.