Tierschutz für Pferde – was kann ich tun?

Tierschutz für Pferde – was kann ich tun?

14. Dezember 2017
Lesezeit:6 Minuten

 

Reiter sind Pferdefreunde, sind Tierfreunde – was so selbstverständlich scheint, gilt nicht immer. Wie oft lesen wir von halb verhungerten Pferden, die in letzter Minute gerettet werden konnten, von spektakulären Urteilen gegen „Ausbilder“, die Pferde systematisch quälen, von elend im Stacheldraht verendeten Pferden und anderen, die über Jahre in einer Box eingesperrt ihr Leben hinter Gittern verbringen mussten. Ganz klar, hier liegen spektakuläre Verstöße gegen den Tierschutz für Pferde vor, doch viel häufiger werden wir mit weniger auffälligen Quälereien konfrontiert.

Da ist doch dieser Stall ganz in der Nähe, wo die Pferde oft tagelang ohne Bewegung in engen, dunklen Boxen stehen. Neulich war doch diese Reiterin auf dem Turnier, die ihr Pferd beim Abreiten immer wieder mit Sporen malträtierte und am Gebiss riss, weil es nicht ganz so stoppte, wie sie es wollte. Da ist doch das Shetty in der Nachbarschaft, das ganz alleine als Rasenmäher im Garten gehalten wird. Müsste man da nicht auch etwas unternehmen? Und was ist mit dem eigenen Pferd – wird das so gehalten, gefüttert, trainiert, versorgt, wie es dem Gesetz entspricht?

Tierschutz für Pferde daheim

Angesichts der vielen Missstände in der Massentierhaltung, bei Tierversuchen oder Schlachttiertransporten ist es leicht, mit dem Finger auf offensichtliche Verstöße gegen das Tierschutzgesetz zu deuten. Wer einmal genauer hinsieht erkennt, dass die Grenzen fließend sind, dass es nicht immer einfach ist, „richtiges“ von „falschem“ Verhalten Tieren oder genauer, Pferden gegenüber zu trennen. Was ist mit dem Einsatz scharfer Gebisse bei Pferden, die nicht entsprechend ausgebildet sind? Was ist mit den vielen Insterburgern, die fast schon routinemäßig landauf, landab immer dann verpasst werden, wenn der Gaul nicht funktioniert? Und was ist mit unterernährten, alten Pferden, mit so mancher Trainingsmethode, die nur hinter versperrten Hallentüren angewendet wird? Wo genau liegt die Grenze zwischen gerechtfertigten oder unvermeidlichen Härten auf der einen Seite und echter, gesetzeswidriger Tierquälerei auf der anderen Seite? Und wer zieht sie, wer erläutert sie uns, diese Grenzen?

Pferdefreunde können mit der aktuellen Gesetzeslage in Deutschland nicht zufrieden sein. Zwar wird ausdrücklich erklärt, dass Tiere keine Sachen seien, trotzdem sind auf sie die für Sachen geltenden Vorschriften anzuwenden – ein Paradoxon, das die Frage aufwirft, wie ernst es dem Gesetzgeber mit dem Tierschutz ist. Der Tierschutz wurde als Staatsziel im Grundgesetz verankert, doch ist dies rein rechtlich bislang ohne praktische Auswirkungen geblieben.

Auch der Missbrauch von Sporen fügt dem Pferd unnötiges Leid bei.
Auch der Missbrauch von Sporen fügt dem Pferd unnötiges Leid bei.

Gesetze schützen unsere Pferde

Die ersten Paragrafen des geltenden Tierschutzgesetzes sagen dem Pferdefreund eigentlich alles, was er oder sie wissen muss. Da heißt es über den Zweck des Gesetzes, es sei „aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“. Hier werden übrigens alle Menschen für alle Tiere in die Pflicht genommen. Das bedeutet: Einfach wegschauen geht nicht – wer nicht handelt, macht sich mitschuldig.

Es gilt, das Wohlbefinden des Pferdes zu schützen, allerdings innerhalb vernünftiger Grenzen, wie im nächsten Satz weiter ausgeführt wird. Das Zufügen von Schmerzen, Leiden oder Schäden ist in manchen Fällen ganz klar gerechtfertigt. Etwa dann, wenn das Pferd einer Operation unterzogen werden muss, um sein Wohlbefinden wiederherzustellen oder sein Leben zu retten. Dann darf man ihm Schmerzen, Leiden und Schäden zufügen – es operieren, eine Weile einzeln in Boxenhaft halten, eine bleibende Narbe verursachen. Der Gewinn einer Turnierprüfung, eigene Geldnot, Unwissenheit oder Gleichgültigkeit sind dagegen keine „vernünftigen Gründe“ im Sinne des Gesetzes.

Was wird von einem Tierhalter, was wird von uns Pferdefreunden konkret erwartet? Das sagt uns der zu Beginn des zweiten Abschnittes stehende

§ 2
Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat,

  1. muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen,
  2. darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden,
  3. muss über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.

Hier steht also schwarz auf weiß. Macht euch schlau, informiert euch und dann geht so mit Pferden um, wie es nach dem derzeitigen Kenntnisstand richtig ist. Und inzwischen weiß man sehr viel über die arttypischen Bedürfnisse unserer Pferde. Wer heute beispielsweise noch die Mär von der „artgerechten Box“ verbreitet, hat die letzten zwanzig Jahre verpennt …

Wer gewerbsmäßig Pferde züchtet oder hält, braucht dafür die Erlaubnis der zuständigen Behörde. Die wiederum verlangt den Nachweis der erforderlichen Sachkunde. Gelernte Pferdewirte oder Pferdefreunde mit vergleichbaren Qualifikationen erfüllen diese Bedingung. Allen anderen wird der Besuch eines Lehrgangs zum Erwerb des „Sachkundenachweis Pferdehaltung“ empfohlen. Mit erfolgreicher Prüfung erhält man ein offizielles Zertifikat der FN, das bei den Behörden als Qualifikationsnachweis vorgelegt werden kann. Nicht gewerblichen Pferdefreunden kann der „Basispass Pferdekunde“ empfohlen werden.

Tierschutz für Pferde im Sport

Besonders relevant im Pferdesport ist der § 3 Punkt 1. „Es ist verboten, einem Tier außer in Notfällen Leistungen abzuverlangen, denen es wegen seines Zustandes offensichtlich nicht gewachsen ist oder die offensichtlich seine Kräfte übersteigen.“. Daraus ergibt sich im Umkehrschluss, dass wir unsere Pferde so ausbilden und konditionieren müssen, dass sie die ihnen abverlangten Leistungen auch erbringen können – auf dem Turnierplatz, aber auch abseits davon. Wer dies für eine Selbstverständlichkeit hält, dessen Pferde können sich glücklich schätzen.

Das Tierschutzgesetz unterscheidet nicht zwischen wertvollen und preiswerten Pferden, zwischen international erfolgreichen Turniercracks und reinen Freizeitpferden. Wie ein Pferd seinen Hafer verdient und was es leisten kann, interessiert niemanden. Es dürfen deshalb auch keine tierschutzrelevanten Unterschiede hinsichtlich Haltung, Fütterung oder Training gemacht werden. Das „wertlose“ Pferd gibt es nicht, ebenso wenig wie das „wertvolle“ – vor dem Gesetz sind alle gleichwertig. Wer bei seinem „wertlosen“ Pferd bei einer Erkrankung den Tierarzt spart, weil die Behandlungskosten den Geldwert des Pferdes vermutlich übersteigen würden, macht sich strafbar. Strafbar macht sich auch, wer seinem „wertvollen“ Pferd die Möglichkeit zur freien Bewegung nimmt, weil es sich dabei verletzen könnte oder wer ihm Leistungen abverlangt, zu denen es eigentlich nicht fähig ist.

Tierschutzregeln

Die Ausführungen des Gesetzes sind nicht in jedem Punkt konkret genug, um dem Pferdehalter zumindest bezüglich der Haltung eine echte Entscheidungshilfe an die Hand zu geben. Diese Lücke schließt ein Werk mit dem umständlichen Titel „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten“. Dieses wird vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz herausgegeben. Diese „Leitlinien“ sind eine Orientierungshilfe, keine Rechtsnorm. Trotzdem dienen sie sowohl der Selbstkontrolle der Pferdehalter als auch als Leitfaden für alle, die mit der Kontrolle von Pferdehaltungen befasst sind.

Wer sich innerhalb des hier vorgegebenen Rahmens bewegt kann sich deshalb recht sicher sein, den Vorgaben des Tierschutzgesetzes zu entsprechen. Im Zweifelsfall kann dieser Text auch zu Rate gezogen werden, wenn man einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz vermutet.

Tierschutz für Pferde – Verstöße

Z.B.:

  • Der Reitstall nebenan verfügt nicht über eine automatische Tränke und die darin aufgestellten Pferde werden von den Besitzern nur morgens und abends von Hand getränkt – in den Leitlinien ist aber nachzulesen, dass in diesem Fall mindestens dreimal täglich Wasser bis zur Sättigung zu reichen ist, also besteht hier Handlungsbedarf.
  • Der Züchter nebenan hält während der Decksaison eine aus Hengst, Mutterstuten und Fohlen bestehende Herde auf einer ausgesetzten Weide ohne Witterungsschutz – auch das geht nicht.
  • Der bekannte Turnierreiter hält seine Pferde in Innenboxen ohne Außenklappen, Auslauf oder halboffene Boxentür – nicht erlaubt.
  • Und im Nachbardorf werden Pferde hinter einem Stacheldrahtzaun als alleinige Einzäunung gehalten – selbstverständlich ebenfalls nicht zulässig.

Es lohnt sich immer, genau hinzusehen und sich selbst ein Bild zu machen. Wie es geht, ist in den Leitlinien detailliert nachzulesen. Sie sollten auch bei allen Neu – und Umbauten von Ställen zu Rate gezogen werden.

Niemand ist aufgefordert, sich zum Richter über den Rest der Pferde haltenden und reitenden Menschheit aufzuschwingen. Unbestritten ist jedoch, dass Missstände so alltäglich sind und teilweise auch weithin so unreflektiert akzeptiert und gar selbst praktiziert werden, dass von einem hohen Nachholbedarf in Sachen Pferdeschutz ausgegangen werden muss. Denken wir nur an das dauernde Rucken und Reißen am Gebiss, an den routinemäßig verabreichten Sporenstichen. Dabei werden dem Pferd Schmerz und Leid zugefügt, und zwar ohne vernünftigen Grund! Hier sind auch die Verbände aufgefordert, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen. Insbesondere dann, wenn in Sachen Pferdesport an die Öffentlichkeit gegangen wird. Gerade hier liegt manches im Argen. Die im Tierschutzgesetz und den Leitlinien niedergelegten Anforderungen sind als Mindestregeln anzusehen. Wer nicht einmal diesen entspricht, darf sich nicht Pferdefreund nennen.

 

Ihre Angelika Schmelzer

5 Kommentare zu „Tierschutz für Pferde – was kann ich tun?“

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    Pauline Ladwig

    Hallo liebes Team,

    Mein Name ist Pauline. Ich melde mich im Namen meiner Mama. Sie war vor einer Woche in Bulgarien und war schockiert über die Misshandlung von Pferden dort. Nun versucht sie verzweifelt zu helfen, bis lang ohne Erfolg, weil es kaum Tierschutzvereine für “Nutztiere“ in Bulgarien gibt.
    Vielleicht haben sie einen Tipp oder Hinweis für uns, wo sich meine Mama hinwenden könnte.

    Ich bedanke mich im Voraus für Ihre Antwort!

    Liebe Grüße
    Pauline

    1. Avatar

      Liebe Pauline,es ist immer schwierig von Deutschland aus etwas in Ländern wie Bulgarien, Polen, oder z.B. Spanien zu erreichen. Es macht Sinn sich mit Tierschutzorganisationen vor Ort in Verbindung zu setzten, da diese sehr häufig miteinander verknüpft sind und dann auch Ländersprachlich helfen können. Für Bulgarien fällt mir im Moment nur der Verein tierengel-bulgarien ein, diese kümmern sich vorrangig um Streuner, kennen sicherlich aber auch Vereine, die sich um Pferdeseelen kümmern. Ich drücke die Daumen und hoffe, dass ich etwas weiter helfen konnte. Viel Erfolg bei der Suche. Herzliche Grüße Nadin Uhlig

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    Tierschutz für Pferde

    Auch im Pferde-Leistungssport gibt es immer wieder Misshandlungen. Es gibt zwar ein Regelwerk, aber viele Pferde-Halter halten sich nicht daran. Die vorgegebenen Regeln wären optimal, wenn sie eingehalten würden. Werden sie aber oft nicht. Es fehlt an Kontrollen und Kontrolleuren. Es gibt die Möglichkeit, das Richter Reitern die Rote Karte zeigen, weil sie ihre Pferde misshandeln. “Reiter sind Pferdefreunde, sind Tierfreunde” – dieser Satz stimmt halt leider nicht immer.

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